Bis zum Sommer 2021 war ich eine gesunde, aktive, voll im Leben stehende Frau von 59 Jahren, die nach fast 45 Berufsjahren langsam anfing, sich auf die abschlagsfreie Rente mit 63 zu freuen und vorzubereiten: weiterhin viel reisen und wandern, mit einem selbst ausgebauten Camper die Wintermonate im Süden verbringen…
Nach zwei Impfungen gegen Covid19 im Abstand von 4 Wochen hat sich mein Leben dramatisch verändert. Es fing an mit Konzentrationsstörungen, Juckreiz, Reizempfindlichkeit, leichten neurologischen Ausfällen, seit September 2021 ist meine komplette linke Körperhälfte taub und verkrampft, ich habe starke Schmerzen und Missempfindungen, Belastungsintoleranz, Brainfog, Entzündungen, etc. und bin seitdem nicht mehr arbeitsfähig und seit November 2022 in voller Erwerbsminderungsrente.
Die Ärzte und Therapeuten waren total überfordert mit meinen Symptomen, Untersuchungen ergaben keine Auffälligkeiten, im Grunde war ich ein gesunder Mensch. Die verordneten Therapien/ Aktivierung verschlechterten meinen Gesundheitszustand und im Oktober 2022 brachte mein Hausarzt die Diagnose ME/CFS ins Spiel. Wieder folgte ein Ärztemarathon…die meisten kannten diese Krankheit nicht, hatten auch kein großes Interesse, sich damit auseinanderzusetzen.
Anfang 2023 bin ich auf einen Privatarzt in Bremen gestoßen, der sich intensiv mit LongCovid/ PostVac beschäftigt. Die diversen Therapieversuche (ich habe alles mögliche genommen, um endlich wieder ein bisschen von meinem alten Leben zurück zu bekommen), haben bisher leider nichts gebracht. Aber es tat gut, einen Arzt zu finden, für den das Thema „PostVac“ kein Tabu ist. Als Betroffener traute man sich bis 2023/2024 kaum, das Wort überhaupt in den Mund zu nehmen, dann wurde man belächelt oder sogar beschimpft. Ich glaube, die volle Erwerbsminderungsrente habe ich nur bekommen, weil die Gutachterin, die von ME/CFS als Neurologin noch nie etwas gehört hatte, zum Abschluss der Begutachtung dann noch eingeworfen hat, dass ich ja auch ein ganz schön schweres Leben hatte…also wohl doch die Psyche…mein Leben hatte ich bis dahin als schön bezeichnet.
In der PostVac Ambulanz in Marburg wurde ich 1 Jahr nach Anmeldung auf eine LongCovid Ambulanz in der Nähe meines Wohnortes verwiesen, hier wurde ich aber abgelehnt, weil ich nicht nach einer Covid Infektion erkrankt war, sondern nach der Impfung. Daher erstmal weiterführende Untersuchungen auf eigene Kosten im Biologicum in Hamburg mit Ergebnissen, die meine Erkrankung ein wenig erklärten.. 2024 erstmals die Möglichkeit in der Uniklinik Rostock und 2025 in der MHH in Hannover. Viele Untersuchungen, aber leider keine Therapien.
Mit viel Mühe habe ich bei meiner Krankenkasse Langzeitverordnungen für Physio- und Ergotherapie bekommen, die ich aber für eine Verlängerung immer wieder neu begründen muss, dann erstmal Ablehnung, Widerspruch mit weiteren Unterlagen…das kostet viel Kraft, die ich gerne für schöne Dinge nutzen würde. Ich habe nahezu keine sozialen Kontakte, mein Freundeskreis ist fast völlig weggebrochen, weil ich Treffen mit mehreren Personen, nettes Beisammensein und unterhalten einfach nicht mehr aushalte, die Schmerzen werden dann unerträglich und der Kopf macht dicht (Brainfog).
So bin ich jetzt nach 5 Jahren immer noch bei meinem Privatarzt und zusätzlich bei einer Heilpraktikerin, die meine Beschwerden versteht und darauf eingeht. Ich hoffe sehr, dass die weiter angedachten Therapien endlich ein bisschen Erleichterung bringen. Meine Heilpraktikerin leidet selbst an einer seltenen Erkrankung und hat mich auf das Interdisziplinäre Schmerzzentrum der Uniklinik Würzburg aufmerksam gemacht. Dort werde ich mich anmelden, vielleicht gibt es dort ja eine Erklärung für die Zusammenhänge meiner diversen Beschwerden.
Mein Antrag auf Entschädigung nach dem Infektionsschutzgesetz, den ich im September 2023 beim Landesversorgungsamt Niedersachsen gestellt habe, wurde nicht anerkannt, weil ich nicht beweisen kann, dass die Impfung ursächlich für die Erkrankung ist. Ich habe allerdings die Möglichkeit genutzt, meinen Antrag auf ruhend zu stellen, für den Fall, dass es irgendwann doch noch eine Beweismöglichkeit gibt (was wohl nie der Fall sein wird).
Trotz allem gebe ich die Hoffnung auf eine Verbesserung nicht auf und kämpfe mich weiter durch.