Lisandra | 4

Vor ein paar Tagen habe ich mit meinem Sohn zum ersten Mal die Siedler von Catan gespielt. Ich war mir unsicher, ob es noch zu früh ist und vor allem die Länge des Spiels ihn überfordern könnte. Doch zu meiner großen Freude klappte es wunderbar und er wollte es an den darauffolgenden Tagen immer wieder spielen. Mit der Freude kamen auch die Erinnerungen. An das, was einmal war. Und die Gedanken an das, was womöglich nie mehr sein wird. Wir haben in meiner Kindheit und Jugend oft die Siedler gespielt. Wir, das war meine Familie. Die jetzt immer noch meine Ursprungsfamilie ist, mit allen Familienmitgliedern wie damals. Und doch gibt es schon seit Jahren keine gemeinsamen Siedlerabende mehr. Und niemand kann mir sagen, ob es sie je wieder geben wird. Mein Bruder ist seit 5 Jahren bettlägerig. 5 Jahre das gleiche Zimmer. 5 Jahre das gleiche Bett. 5 Jahre die gleiche Aussicht. 5 Jahre kein Sonnenlicht, kein frischer Wind im Gesicht, keine grünen Blätter vor den Augen, kein Sand zwischen den Zehen, kein, kein, kein. In den ersten Monaten dachte ich, ein begrenzter Horror. Ein Horror ohne Worte, aber so, wie er gekommen ist, wird er gehen. In den ersten zwei Jahren war der bodenlose Schmerz. Die Trauer. Die Ungläubigkeit. Und irgendwann der Gedanke: Falls es so bleiben wird, wird es wahrscheinlich irgendwann normal. Weil ja bekanntlich alles irgendwann normal wird. Nun, nach fünf Jahren, denke ich: Es wird niemals „normal“ sein. Es wird niemals okay sein. Der Schmerz wird immer bleiben. Ich habe einen Bruder, der nicht tot ist, und doch nicht am Leben teilnehmen kann. Ich habe einen Bruder, den ich jeden Tag sehe, mit dem ich aber kein echtes Gespräch führen kann. Ich habe einen Bruder, der mein enger Begleiter war. Mein guter Freund, mein Ansprechpartner, oft genug mein Anker in der Not. Mein Sohn hatte einen Onkel, der sowas wie ein Ersatzpapa war. Mein Vater hatte einen Sohn, mit dem er sich so richtig austauschen konnte. Ehrlich gesagt das einzige seiner vier Kinder, mit dem ihm das auf diese Art möglich war. Meine Mutter hatte einen Sohn, der im Leben stand. Meine beiden Elternteile hatten das. Wo man halt üblicherweise so steht mit 30. Ich warte immer noch darauf, dass Familienfeiern – seien es Geburtstage, Weihnachten, Ostern, Hochzeiten oder Taufen – sich einfach wieder schön anfühlen. Dass es sich nicht anfühlt, als würde die Abwesenheit meines Bruders in mir so einen Lärm erzeugen, dass für die Feiern eigentlich gar kein Platz mehr ist. Ich warte immer noch darauf, dass die Schuld nachlässt. Wie können wir weiterleben, wo er es nicht kann? Wie kann ich mich erfreuen an den großen und kleinen Wundern im Leben, während er im Bett liegt, manchmal, so scheint es mir, wie lebendig begraben? Ich habe eine halbwegs akzeptable Lösung gefunden, die mir manchmal hilft und manchmal nicht: Wenn ich draußen unterwegs bin oder etwas Schönes erlebe, dann stelle ich mir vor, ich tue es auch für ihn. Dass ich ihn mitnehme und er teilhaben kann, dadurch, dass ich es erlebe. Wie gesagt, manchmal erleichtert mich das. Manchmal komme ich mir aber wie eine Heuchlerin vor. Ich habe lange darauf gewartet, dass meine Freunde und Freundinnen verstehen lernen, was es für mich bedeutet, einen schwer kranken Bruder zu haben. Für meine Eltern bedeutet. Ganz zu schweigen davon, was es für ihn bedeutet. Ich habe es aufgegeben. Ich denke, es überwiegt der Schutzmechanismus. Ich kann das verstehen. Will man wirklich diesen Horror fühlen? Diese Ohnmacht? Dieses absolute Ausgeliefertsein? Wie gesagt, ich kann es verstehen. Was bleibt ist die Trennung. Meine Familie hat eine Welt betreten, in der die meisten anderen Familien nicht unterwegs sind. Schmerz kann einsam machen. Wie viel darf man trauern, hadern, wütend sein? Oder eher, wie lange? Irgendwann scheint es für die heile Welt da draußen genug zu sein. Sie vergessen, dass mein Bruder immer noch genauso schwer krank ist. Dass wir immer noch genauso belastet sind. Dass meine Eltern ihre ganzen Zukunftspläne begraben mussten. Während sich andere Menschen in ihrem Alter über die nächste große Reise Gedanken machen, überlegen sich meine Eltern, was nach ihrem Tod mit meinem Bruder passiert. Für mich stellt sich diese Frage nicht. Am Ende des Tages (oder ihres Lebens, haha) liegt die Verantwortung bei mir. Neben der Schuld war und ist es die Angst, die mich begleitet. Was, wenn, was, wenn, was, wenn? Was, wenn es mich auch noch trifft? Ich habe in den letzten zwei Jahren gelernt, mit der Angst besser umzugehen. Das heißt nicht, dass sie nicht mehr da ist. Sie begleitet mich. Jede Erkältung, jedes Anzeichen von Erschöpfung, jeder müde Tag ein mögliches erstes Anzeichen. Und immer ist es der Gedanke an meinen Sohn, der mich dabei umtreibt. Ich habe zu viele Geschichten gelesen von Eltern, die selbst krank wurden. Von Kindern, die ihre Mutter oder ihren Vater nur im Bett erleben. Ich mag mir nicht ausmalen, wie grausam das ist. Ob ich noch Hoffnung habe? Ob ich noch meinen Glauben habe? Bei zweiterem bin ich mir sicher. Bei ersterem kommt es auf den Tag an. Aber im Allgemeinen ja. Ich erinnere mich oft daran, dass wir im christlichen Glauben einen Gott des Leides haben. Der sich dadurch auszeichnet, dass er mit den Leidenden ist. Selbst gelitten hat. Ich mir sicher bin, dass er bei uns ist, mitten im Schmerz, er uns nicht vor dem Leid bewahrt, aber mit uns hindurchgeht. Das gibt mir Kraft. Dass ich einen Gott habe, der meinen Bruder sieht. Ihn anschaut. Was die Hoffnung angeht, so wäre es verrückt, nicht zu hoffen. Und wenn die Hoffnung am Ende nur die Funktion erfüllt hat, uns durch die ganze Scheiße durchzutragen, dann wäre das auch schon mal was. Manchmal frage ich mich, wo wir jetzt stehen würden, wäre die Krankheit nicht über meinen Bruder gekommen. Wo er jetzt stehen würde. Hätte er Kinder? Wäre er noch in seinem Job? Was für eine Beziehung hätte er zu meinem Sohn? Wie würde es mir gehen? Wie würden meine Eltern ihre Zeit gestalten? Würde in meiner Familie, in der früher so viel gelacht wurde, der Spaß und die Leichtigkeit wieder einziehen? Würde mir, wenn ich einen entsprechenden Bericht in der Zeitung lesen würde, der kalte Schauer über den Rücken laufen, um es dann so schnell wie möglich wieder zu vergessen? Leider habe ich kein Bedürfnis, diesen Text heroisch anzureichern. So nach dem Motto: Die schwere Krankheit meines Bruders hat mich gelehrt, mich an den kleinen Dingen des Alltags zu erfreuen; wir sind als Familie enger zusammengewachsen; mein Leben hat noch mehr Tiefe bekommen; ich bin Gott näher; etc. pp. Jesus hing auch nicht am Kreuz und hat gejubelt. Er hat sich verlassen gefühlt. Und er wusste genau genommen schon, dass es für ihn gut ausgehen wird. Das kann ich von meinem Bruder nicht behaupten. Und trotz alledem sehe ich uns, gemeinsam am Familientisch. Eines Tages. Mit einem kalten Schauer an die Jahre des Schreckens zurückdenkend. Kennen Sie die Wunderfrage? Sie geht ungefähr so: Wenn du morgen aufwachst, und etwas hat sich verändert, ein Wunsch hat sich erfüllt, ein Wunder ist passiert – was wäre das? Was würde das bedeuten, was würde sich verändern, usw. Sie wird im systemischen Arbeiten verwendet. Ich hasse diese Frage. Weil man dann daraus ableiten kann, was man denn stattdessen tun könne, was etwas näher an der Realität dran ist, was man selbst beeinflussen kann. Aber ich kann meinen Bruder nicht gesund machen und gefühlt auch nichts dazu beitragen. Und dann schließt sich der Kreis zur Hoffnung. Und dennoch. Und dennoch ist es vielleicht das Einzige, was ich schon in Teilen gelernt habe, und immer noch lernen muss: Dieses so kostbare, wunderbare, einzigartige, prächtige Leben zu genießen, wann und wo immer es geht. Trotz oder eher gerade wegen dieser vermaledeiten Krankheit. Weil niemand von uns je wissen kann, wie viel Zeit mit aktiver Teilnahme am Leben uns beschieden ist. Trotz allem bin ich selbst so reich beschenkt. Und auch im größten Leid die Dankbarkeit für so vieles im Leben meines Bruders. Dass er in finanziell guten Verhältnissen gepflegt werden kann. Dass er neue, teure Medikamente ausprobieren kann, wenn er das möchte. Dass seine besondere Ernährung finanzierbar ist. Dass meine Eltern den entsprechenden Platz haben. Dass er N. hat. Nun ist es mir leider doch passiert, das heroische Gerede zum Schluss.