Ja. Ich setze die drei Suggestionen und die Perfektionistin genau dort hinein, wo sie erklären, warum du trotz Erschöpfung immer weiter funktioniert hast, ohne dass die Hypnose die ME/CFS-Geschichte übernimmt. Ab 2025 bleiben die beiden Erzählstimmen zusammen, und das Kind behält den Schluss.
Aufstehen, Krone richten und weiter
Ich liege unter der Decke und lausche ganz leise, ob er kommt. Ich kann nicht schlafen, obwohl ich müde bin. So denke ich. Doch kurz danach merke ich, wie müde ich tatsächlich bin. Plötzlich geht es nicht darum, ob ich einschlafen kann, eher darum, wie ich mich wach halte. Ich lege mich direkt an die Kante, damit ich direkt aufspringen kann. Es ist nicht bequem, aber täglich habe ich Hoffnung, dass ich doch noch wach bin oder ihn rechtzeitig merke.
Und doch dauert es nicht lange und ich schlafe ein, trotz aller Anstrengung, wach zu bleiben. Im Schlaf merke ich dann eine Hand. Nein, es fühlt sich weicher an. Es ist keine Hand, es ist sein Glied.
Ich bin 9 Jahre alt. Ich werde täglich mehrfach benutzt. Doch über Nacht nahm er mir nicht nur meine Kindheit. Er nahm mir auch meine Batterien.
Heute weiß ich, dass mein Nervensystem damals täglich auf Dauerbetrieb war. Ein Kind sollte nachts schlafen und sich erholen. Mein Körper wollte genau das, während mein Kopf wusste, dass ich wach bleiben muss. Damals wusste ich natürlich nicht, was ein Nervensystem ist oder was in meinem Körper passiert. Ich wusste nur, dass ich müde bin und trotzdem nicht schlafen darf. Doch ich war ein Kind.
Meine Mutter weckt mich. Ich bekomme es mit, aber mein Körper will nicht. Meine Beine sind schwer und ich nicke wieder ein. Doch plötzlich fange ich innerlich an zu schreien: „Steh endlich auf. Jetzt.“ Ich schleppe meine Beine aus dem Bett. Ich darf nicht zu Hause bleiben. Das würde ich nicht schaffen. Ich fühle mich schwer, aber liegen bleiben ist keine Option. Ich weiß, was das bedeutet, also reiße ich mich zusammen und gehe zur Schule.
Mittlerweile bin ich 12 Jahre alt. Für mich ist es jetzt wie Spülen. Es gehört zu meinen Pflichten. Doch nachts werde ich nicht mehr wach. Ich weiß nicht, ob er noch täglich kommt. Ich weiß nicht einmal, ob er kommt. In dem Moment, wo ich meinen Körper zum Hinlegen senke, bin ich bereits am Schlafen. Ich werde nicht mehr wach. Manchmal habe ich ein feuchtes Höschen, aber ich habe keinerlei Erinnerungen.
Ich werde wach und schreie vor Ohrenschmerzen. Ich habe diese Schmerzen seit Wochen. Der Arzt verschreibt nur Tropfen und es wird täglich schlimmer. Mein komplettes System ist zusammengebrochen. Die Mutter einer Freundin sieht, wie groß die Schmerzen sein müssen, und fährt mich direkt zur Uniklinik zur HNO. Dort werde ich notoperiert. Ich habe eine starke Mittelohrentzündung, mein Trommelfell ist kurz vor dem Platzen. Ohne Genehmigung beginnen sie mit der OP, die mir 20 Prozent Hörvermögen gerettet hat. Worüber ich heute sehr dankbar bin.
Im Krankenhaus kann ich endlich schlafen. Doch ich schlafe durch. Ich hatte auch viel nachzuholen, so dachte ich.
Heute weiß ich, dass mein Körper zu diesem Zeitpunkt bereits völlig erschöpft war. Mein Nervensystem war über Jahre auf Dauerbetrieb und dann kam eine schwere Entzündung dazu. Damals wusste ich davon nichts. Ich dachte einfach, ich müsste Schlaf nachholen.
Mittlerweile bin ich 15 Jahre alt. Die Situation hat sich verschärft. Ich bin immer erschöpft, kann aber zu Hause nicht einfach schlafen. Nach einer akuten lebensbedrohlichen Situation entscheide ich mich, zum Jugendamt zu gehen.
Ich komme ins Heim, nah bei ihm. Ich muss zur Schule, obwohl ich eigentlich nur schlafen will. Vielleicht reicht ja mal so richtig ausschlafen. Doch täglich werde ich auch hier geweckt und muss weiter zu der Schule, wo seine Garage nur 200 Meter Luftlinie von meinem Klassenzimmer entfernt ist.
Ich habe Angst. Einige Male kann er mich abfangen, obwohl ich immer abgeholt werde. Er nimmt jede Gelegenheit, mich zu finden. Ich schlafe ständig in der Schule ein. Irgendwie habe ich falsch gelegen. Mir tut alles weh. Jeden Morgen muss ich ringen und ständig verliere ich diesen Kampf. Warum lässt man mich nicht einfach ein bisschen in Ruhe? Warum muss ich jetzt unbedingt zur Schule? Ich sehe die Bilder beim Jugendamt an meinem Bett und merke, mir geht es immer schlechter. Aber ich darf endlich die Augen zumachen.
Vielleicht hätte man mit mir zum Arzt gehen müssen. Es hätte vielleicht etwas verändert. Aber wenn ich heute viele Betroffene höre, und das im Jahr 2026, glaube ich nicht, dass es etwas geändert hätte.
In meinen Akten sind die Müdigkeit und die Erschöpfung ausgeprägt beschrieben. Dies wurde auch seitens meiner Lehrerin bestätigt und schriftlich fixiert. Das Schreiben stammt aus der damaligen Zeit. Auch dass ich während der Obhutnahme weiter abgefangen wurde, war seitens der Staatsanwaltschaft bekannt.
Ich sitze im Behandlungszimmer. Sie schaut mich an und ich sehe, dass sie mich ablehnt. Wir hatten eigentlich Fortschritte gemacht. Ich habe doch noch sieben Einheiten. Und während sie spricht, wird mein Kopf heiß. Mir wird ganz übel und schlecht. Ich weiß nicht mehr, was sie gesagt hat. Nur noch, dass ich nicht mehr kommen darf.
Sie war meine Bezugsperson. Ich hatte mich gerade geöffnet. Was habe ich falsch gemacht?
Im Heim angekommen, raste ich komplett aus. Ich schreie meine Betreuerin an, kann mich aber einfach nicht erinnern. Sie nimmt sich Zeit. Sechs Stunden Gespräch. Ich bin müde und schlafe bis zum nächsten Tag. Es war alles viel zu viel.
Heute weiß ich aus meinen Akten, was damals im Hintergrund passiert ist. Drei Mahnungen sind an die Stadt Münster gegangen, in denen meine Therapeutin unmissverständlich erklärt, dass sie ihrem Geld nicht hinterherrennt. Angeblich war mir das zu viel mit der Therapie. Selbst wenn es so gewesen wäre, kürzt man nicht an der Heilung, an einer Therapie. Man gibt einem Kind Zeit zu regenerieren.
Aber ich war bereits 16 Jahre alt. Jugendliche werden nicht für immer in Obhut genommen. Irgendwann ist man auf sich selbst angewiesen.
Ich soll zum Heimpsychologen. Bestimmt wegen meines Ausrasters. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Mir wird Hilfe verwehrt. Ich habe keine Familie, die zu mir steht. Ich bin 16 Jahre alt und fühle mich wie 90.
Ich sitze vor seiner Tür und warte im Flur. Er kommt und bittet mich rein. Ich setze mich hin, während er die Tür schließt. Er setzt sich direkt vor mich und schaut mich an. Er sieht traurig aus. Nach einer längeren Pause schnauft er tief und fängt an zu reden:
„Vera, ich weiß nicht, wie ich dir helfen kann. Ich bin völlig ratlos. Ich sehe da nur eine Möglichkeit: Hypnose. Es wird eine ganz leichte Hypnose sein. Du wirst kaum den Unterschied merken. Es werden zwei bis drei kleine Sätze sein, die du im alltäglichen Leben gebrauchen würdest. Sollen wir das mal versuchen?“
Ich stimme zu. Obwohl ich selbst eigentlich kein Problem mit mir habe. Ich brauche doch nur etwas Ruhe und Zeit.
Das System selbst hat mich destabilisiert. Nach sieben Jahren Missbrauch sollte dieses Kind die Zeit der Welt haben. Kein Kind sollte in diesem Alter diese Verantwortung tragen. Für Fehler geradestehen, die Erwachsene in Kauf nehmen.
Es wurde keine Diagnose gestellt. Es wurde kein Antrag auf Opferentschädigung gestellt. Ich wurde nicht geschützt, weder in der Schule noch im Heim. Der Täter konnte mich während der Obhut weiter abfangen und mit zur Garage nehmen, während ich noch nicht einmal beim Arzt eine Diagnose bekam.
Meine Erschöpfung war dokumentiert. Die Suggestivtherapie ist dokumentiert. Trotzdem wurde ich zum Funktionieren hypnotisiert. Damit ich meinen Abschluss habe, damit ich weiter funktioniere und für die Gesellschaft meine Berechtigung zum Dasein erhalte. Für ein System, das dich weiter treibt, obwohl du körperlich bereits am Ende bist.
Die drei Suggestionen klingen zunächst völlig harmlos.
Nicht aufregen.
Ordnung.
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Sätze, die man einem Menschen vielleicht sogar gut gemeint mit auf den Weg geben könnte. Nur wusste ich nicht, was diese drei Sätze später mit meinem Leben machen würden.
Ich werde wach. Ich gehe raus, als ob nichts gewesen wäre.
Vierzehn Tage später lerne ich meinen späteren Mann kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Ich bin glücklich und habe keinerlei Einschränkungen. Manchmal schlafe ich noch ein, wenn ich es übertrieben habe, aber ich denke, es wäre okay und normal. Denn ich habe ja nun mal übertrieben.
Ich schaffe meinen Abschluss, habe null Fehlstunden, nehme mir eine Wohnung und ziehe mit 18 Jahren aus dem Heim aus. Es verläuft alles nach Plan. Ich mache meine Ausbildung, ziehe dann mit meinem Mann zusammen und heirate. Es ist alles super.
Und ich werde zur Perfektionistin.
Ordnung ist für mich nicht einfach Ordnung. Sie wird zu einem inneren Druck, den ich selbst nicht verstehe. Wenn etwas herumsteht, kann ich es kaum aushalten. Meine Kinder lassen etwas liegen und ich bin sofort auf 180. Natürlich habe ich manchmal recht. Kinder sollen ihren Kram wegräumen. Aber wie ich ausraste, ist nicht in Ordnung. Ich schreie viel zu schnell und terrorisiere meine Kinder wegen Dingen, bei denen eine normale Reaktion völlig ausgereicht hätte.
Nur merke ich das nicht. Für mich fühlt sich dieser Druck real an. Es muss ordentlich sein. Es muss richtig sein. Ich muss funktionieren. Und wenn etwas nicht funktioniert, muss ich es eben noch besser machen.
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Müde? Weiter. Erschöpft? Weiter. Keine Kraft? Dann streng dich mehr an.
Ich halte das für meinen Charakter. Für Disziplin. Für Stärke.
Und nicht aufregen? Das klappt irgendwie nicht. Ich rege mich auf. Sogar gewaltig. Aber ich gehe nicht. Ich kann schreien, weinen, wütend sein und innerlich Nein sagen. Nur meine Konsequenz aus diesem Nein ziehen kann ich nicht.
Ich komme von der Arbeit und Frank wartet schon auf mich. Er hat sich verändert, ich weiß nicht warum. Er beleidigt mich ständig, macht sich lustig und ich möchte das so nicht.
Er ist für drei Monate bei der Bundeswehr weg. Ich vermisse ihn. Eigentlich habe ich keine Lust auf Ritas Party, aber ich lasse mich überreden und gehe hin.
Die drei Monate sind um. Ich werde Schluss machen, so habe ich es vor. Ich liebe ihn nicht mehr. Ich habe mich so verliebt auf dieser Party. Er kam rein und in diesem Moment wusste ich, ich gehöre ihm.
Ich lege auf. Ich konnte es nicht. Warum nicht? Ich will das nicht mehr. Ich hole ihn ab und dann sage ich es ihm. Jetzt bin ich noch unabhängig. Ich habe mein Appartement, er wohnt bei seiner Mutter. Ich liebe ihn einfach nicht mehr. Er war so gemein.
Ich schaue ihn an. Er weint vor Glück und umarmt mich. Ich bin völlig überrumpelt und traue mich nicht. Er ist dick geworden im Gesicht. Man erzählt mir, dass er ohne mich ausgerastet ist. Dass er Angst hatte, dass ich in der Zeit jemand anderen kennengelernt haben könnte. Ich bringe es nicht über mein Herz und melde mich nicht mehr bei meiner großen Liebe.
In den Unterlagen beim Jugendamt ist schriftlich fixiert, dass meine Leistungsfähigkeit wieder da ist. Allerdings steht dort auch, dass ich eine Art Abhängigkeit entwickelt habe. Auch steht drin, dass man mir meine gute Laune nicht abgenommen hat. Diese Berichte stammen aus dem Jahr 1987/88. Ich war also noch in Obhut, als bereits kurz nach der Hypnose eine Wesensveränderung beschrieben wurde.
Eine Rückführung, Nachsorge oder Aufklärung wurde nicht gemacht. Ferner steht in den Akten, dass man mit meinem damaligen Freund gesprochen hat. Wenn das so war, erteilte man damit einem jungen Mann eine Verantwortung, die er überhaupt nicht tragen konnte.
Heute glaube ich, dass Frank sehr schnell gemerkt hat, dass mit mir etwas nicht stimmte. Er konnte Grenzen überschreiten, von denen ich selbst wusste, dass sie meine Grenzen waren. Ich konnte wütend werden, schreien, weinen und ihm sagen, dass ich das nicht will. Nur eines konnte ich nicht: gehen.
Und Frank wusste das.
Vielleicht hat er deshalb irgendwann angefangen, meine Grenzen immer weiter zu überschreiten. Vielleicht wollte er tatsächlich herausfinden, wann endlich der Punkt kommt, an dem ich aufstehe und gehe. Ich kann ihn nicht mehr fragen. Frank ist tot.
Was ich aber heute lesen kann, sind meine Akten. Dort wurde bereits kurz nach der Hypnose eine Abhängigkeit zu Frank beschrieben. Dort wurde beschrieben, dass meine Leistungsfähigkeit zurückkehrte. Dort wurde meine Veränderung wahrgenommen. Und dort steht, dass man mit Frank über mich gesprochen hatte.
Man hatte mich also wieder zum Funktionieren gebracht und gleichzeitig gesehen, dass ich mich an einen jungen Mann band. Dann ließ man uns damit allein.
Frank musste keine Suggestion kennen und keine Hypnose verstehen. Er musste auch nicht wissen, warum ich nicht gehen konnte. Er musste nur eines lernen:
Vera geht nicht.
Und mit jedem Mal, bei dem ich blieb, obwohl ich eigentlich gehen wollte, lernte er es ein bisschen besser. Bis seine Grenzüberschreitungen Ausmaße annahmen, bei denen ich heute selbst kaum begreifen kann, dass ich geblieben bin.
Ich habe mich dafür jahrzehntelang gehasst. Heute stelle ich eine andere Frage: Was wäre aus meinem Leben geworden, wenn damals jemand nicht nur dafür gesorgt hätte, dass ich wieder funktioniere, sondern auch darauf geachtet hätte, ob ich noch frei entscheiden kann?
Ich sitze im Auto und habe ein Messer in der Hand. Ich bin bei der Arbeit in der Tiefgarage und habe keine Kraft mehr. Franks Verhalten hat Ausmaße angenommen, die es mir schwer machen, darüber zu reden. In der Nacht hat er Zigaretten auf meinem Bauch ausgedrückt. Nur um zu sehen, ob ich wach werde. Er sagt vor unseren Freunden im Restaurant, dass er es bereut, mit mir zusammen zu sein. Er wirft mir vor, nicht lieben zu können.
Ich bin verzweifelt. Warum hat er sich so verändert? Warum kann ich ihn nicht verlassen? Ich schreie und weine. Und bleibe.
Wir schreiben das Jahr 1997. Ich habe zwei Kinder und ein Arschloch als Mann. Ich akzeptiere Grenzüberschreitungen, die ich nicht akzeptieren will. Ich sage Ja, obwohl ich innerlich Nein schreie. Ich bin völlig verzweifelt und kann einfach nicht gehen. Selbst heute frage ich mich: Warum nicht?
Er ist mit meiner Erzfeindin im Bett gewesen. Bei ihr besteht Verdacht auf HIV. Ich will weg. Ich will raus. Ich fange an, mich selbst zu hassen, weil ich denke, dass ich einfach ein Feigling bin.
Frank wusste ganz genau, dass ich nicht kann. Ich denke, er hat gehofft, dass ich zu meiner Grenze stehen würde. Heute denke ich, dass er mich wach machen wollte. Nur wusste er nicht wie. Dabei war das für ihn einfach.
Ich komme völlig erschöpft von der Arbeit. Es ist mein erster Tag nach dem Mutterschutz. Mandy ist jetzt sechs Wochen alt und Frank passt auf, da es Wochenende ist. Ich komme zur Tür hinein und höre Mandy schreien. Ich schaue in ihre Augen und sehe, dass sie kurz vor dem Austrocknen ist.
Ich bekomme Panik und packe sie mir, um mit ihr ins Krankenhaus zu fahren. Frank will mir die Schlüssel wegnehmen. Ich würde völlig überreagieren und nur Kosten verursachen, weil der Arzt zwanzig Kilometer von uns entfernt ist. Es ist mir egal. Ich lasse mich nicht aufhalten und rette meine Tochter.
Und trotzdem, in Gottes Namen, warum kann ich nicht gehen?
Wir schreiben das Jahr 2000. Die Zeit mit Frank ist anstrengend. Wir reden kaum mehr zusammen und ich habe das Gefühl, dass er mich nicht mehr liebt. Also frage ich ihn heute. Er ist seit drei Tagen angeblich krank und ist müder als ich.
Seine Antwort verändert alles.
„Ich glaube, ich liebe dich nicht mehr.“
Ich breche zusammen, ich weine, ich trauere sogar. Ich bitte ihn zu gehen, da ich einfach nur noch weinen will. Er ist jetzt weg und nach drei Stunden Weinen klingelt das Telefon. Es ist Frank.
Er sagt mir: „Es tut mir leid. Ich liebe dich. Ich komme nach Hause.“
Ich weiß sofort, dass es eine Internetbekanntschaft war, und bin neugierig auf seine Geschichte. Und ich bin sprachlos, wie dumm man sein kann. Sie hatten wohl schon länger Kontakt und haben telefoniert, während ich gearbeitet habe. Deshalb war er so müde.
Sie hat ihm wohl erzählt, dass sie 150 Kilo abgenommen hat, aber versäumt zu sagen, dass sie vorher weit über 300 Kilo gewogen hat. Auch hatte sie keine zwei, sondern sieben Kinder.
Er möchte zurück zu mir. Aber aus irgendeinem Grund kann ich endlich bei meinem Nein bleiben.
Damals war mir nicht bewusst, dass ich eine Blockade hatte. Ich konnte ihn nicht verlassen. Erst als er mich freigab, konnte ich meinen eigenen Willen aussprechen.
Jedoch hat sich ein Bekannter bei mir eingenistet. Ursprünglich sollte er nur für drei Nächte auf die Kinder achten, während ich arbeiten gehe. Die Abhängigkeit wurde dann praktisch nur übertragen. Nur dass er keine Ahnung hatte, dass ich durch eine Suggestivtherapie beeinträchtigt war.
Ich bin plötzlich wieder leistungsfähig. Ich arbeite viel, mache mich selbstständig und bin neun Jahre mit ihm zusammen, als auch er mir mitteilt, dass er mich nicht braucht. Er hat zwar nicht Schluss gemacht, aber diese Aussage reicht, dass ich gehen kann.
Das war 2009.
Ich sitze in der Küche und bin komplett handlungsunfähig. Ich bin nur am Weinen und nicht in der Lage zu kochen. Ich habe einen kompletten Nervenzusammenbruch und kann mich nicht beruhigen.
Meine Beine sind so schwer. Ich habe keinen Antrieb, mir tut alles weh. Ich merke, irgendwie stimmt etwas nicht, und gehe zum Psychiater.
Ich erzähle ihm meine Geschichte, ohne große Gefühle. Jedes Ereignis ein Satz. Eine Geschichte, die zu lang ist, um sie wirklich zu erzählen. Und trotzdem kommen wir mit unserer Zeit nicht hin.
Er ist aus der alten Schule und kurz vor seiner Rente, so schätze ich ihn ein. Er schaut auf die Uhr und sagt:
„Wenn das wirklich alles so war, dann sind Sie die stärkste Frau, die ich jemals kennenlernen durfte. Ein Nervensystem ist für so eine Belastung auf Dauer aber nicht geeignet. Es ist dafür einfach nicht ausgelegt. Wir sind Säugetiere, die auf Jagd gegangen sind. Für ein paar Stunden Adrenalinschübe ist das für uns kein Problem. Wird ein Mensch aber dauerhaft destabilisiert, kann das Nervensystem es irgendwann nicht mehr kompensieren. Aber Sie schaffen das.“
Jetzt sitze ich zu Hause und denke: Ja toll. Also Krone richten und weitermachen.
Heute lese ich die Akte und mir wird schlecht. Denn ich war danach nie wieder beim Arzt. Ich habe nur gehört: Sie schaffen das.
Keine Erklärung der Diagnose. Kein Gespräch darüber, was diese Erkrankung für mein Leben bedeutet. Nur, dass unser Nervensystem für so eine Belastung nicht ausgelegt ist.
Doch in Wahrheit hatte dieser Arzt etwas festgestellt, von dem ich nichts wusste. In meiner Akte steht die Diagnose ME/CFS. Er hatte sie gestellt. Nur mir hatte er sie nicht eröffnet.
Also kämpfte ich weiter gegen Windmühlen und ging weiter arbeiten. Völlig erschöpft und am Rande meiner Kräfte.
Die nächsten Jahre waren die Hölle.
Wir schreiben das Jahr 2025.
Mittlerweile bin ich das dritte Mal Mutter. Mein Mann ist sehr krank. Meine Tochter hasst mich. Mein Sohn spricht mit mir, aber eine Unterhaltung fällt uns schwer. Wir merken beide, dass wir kein gutes Verhältnis haben.
Die Tochter meines zweiten Mannes Stefan ist bei uns eingezogen. Sie stammt aus einer toxischen Beziehung. Ich bin Opfer von ihr geworden. Die letzten Jahre waren gefüllt mit Gerichtsverhandlungen und Aussagen bei der Polizei. Ich habe versucht, trotz meiner eigenen Geschichte, sie beim Verfahren gegen ihre Vergewaltiger zu begleiten. Fünf Jahre durfte sie keine Therapie machen. Doch die Kindesmutter hat mir zusätzlich noch zugesetzt.
Meine Leistung ist schleichend zurückgegangen. Zu Hause hat Stefan den Haushalt übernommen, obwohl er selbst krank ist. Und genau hier zeigt sich die Perfektionistin wieder. Innerlich koche ich. Jede Art der Unordnung destabilisiert mich. Ich kann selbst kaum noch etwas machen und gleichzeitig kaum aushalten, wenn etwas nicht so gemacht wird, wie es in meinem Kopf sein muss. Jede Überforderung wird zur Diskussion, weil ich selbst nicht verstehe, was mit mir passiert.
Ich schlafe immer mehr, werde vergesslich und habe keine Kraft mehr, um zu leben. Ich merke gar nicht, dass ich eben nicht mehr funktioniere. Dass es eigentlich nur noch Schadensbegrenzung ist.
Am 12.06.2025 beginnt sich meine Hypnose zu lösen. In den nächsten sechs Monaten lösen sich die drei Suggestionen. Die letzte fällt am 01.12.2025 um vier Uhr morgens.
Und plötzlich kann ich Dinge sehen, die ich vorher nicht sehen konnte.
Ich sehe meine Kinder und erkenne, wie sehr ich sie mit meinem Perfektionismus unter Druck gesetzt habe. Wie schnell ich geschrien habe. Wie oft ich wegen Kleinigkeiten auf 180 war. Ich hatte vielleicht recht damit, dass etwas nicht in Ordnung war. Aber die Art, wie ich reagiert habe, war nicht in Ordnung.
Das war nicht die Mutter, die ich sein wollte.
Und meine Kinder sehen den Unterschied heute ebenfalls.
Ab jetzt kann ich rückwirkend zuordnen. Ab jetzt bin ich handlungsfähig in meiner eigenen Entscheidung und dennoch körperlich immer weniger handlungsfähig. Was vorher irgendwie überdeckt war, wird jetzt nicht nur sichtbar.
Ab jetzt spüre ich es.
Und ab hier kann ich meine Geschichte nicht mehr so erzählen wie vorher.
Vielleicht, weil ich jetzt im Heute angekommen bin.
Ich kann nicht mehr erzählen, was die damalige Vera dachte, und anschließend erklären, was die heutige Vera darüber weiß.
Die beiden sind jetzt dieselbe Person.
Ich weiß nicht, wie diese Geschichte ausgeht, weil ich noch mittendrin bin.
Mein Körper wird immer schwächer. Belastungen, die ich früher irgendwie weggedrückt habe, kann ich nicht mehr auffangen. Ein Arzttermin kann bedeuten, dass ich anschließend mehrere Tage liege. Dreißig Minuten spazieren gehen können mich zwei Tage kosten. An guten Tagen habe ich vielleicht zwei oder drei Stunden, in denen etwas geht. Danach ist mein Körper fertig.
Und wenn ich fertig sage, meine ich nicht diese Müdigkeit, die jeder kennt. Nicht dieses: Heute war ein langer Tag, ich lege mich auf die Couch und morgen geht es wieder.
Ich meine, dass mein Körper abschaltet.
Das Gemeine daran ist, dass die Rechnung manchmal erst später kommt. Ich mache etwas und denke sogar noch: Ging doch. Vielleicht war es heute gar nicht so schlimm.
Und dann liege ich.
Einen Tag. Zwei Tage. Manchmal länger.
Weil ich etwas gemacht habe, worüber ein gesunder Mensch nicht einmal nachdenken würde.
Meine Beine werden schwer, meine Muskeln tun weh, meine Fußsohlen und Handflächen brennen. Manchmal kribbelt es in meinen Armen, Beinen oder sogar im Gesicht. Licht wird zu hell und Musik, die eigentlich leise ist, plötzlich viel zu laut. Ich sitze abends draußen mit Sonnenbrille, obwohl die Sonne längst weg ist.
Ich muss heute überlegen, wofür ich meine Kraft ausgebe. Duschen oder noch etwas anderes machen? Ein Arzttermin und danach mehrere Tage nichts? Mit meinem Sohn etwas unternehmen und wissen, dass ich anschließend vielleicht im Bett liege?
Früher hätte ich über solche Entscheidungen nicht einmal nachgedacht.
Heute entscheidet manchmal mein Körper für mich.
Dann liege ich.
Und genau das fällt mir am schwersten. Ich bin ein Mensch, der sein ganzes Leben gearbeitet hat. Ich habe Kinder großgezogen, Unternehmen geführt, Verantwortung übernommen und Dinge gemacht, bei denen andere schon beim Zuhören müde werden.
Und heute kann es passieren, dass Duschen meine Aufgabe für den Tag ist.
Ganz großes Kino.
Zu Hause übernimmt meine Familie immer mehr. Stefan macht den Haushalt, obwohl er selbst krank ist. Ich sitze oder liege in meinem Zimmer und schreibe, weil das oft das Einzige ist, was ich noch kann. Fernsehen schaue ich manchmal nur, weil ich wenigstens etwas mit meinem Sohn machen möchte. Selbst dafür muss ich Kraft haben.
Mittlerweile gibt es immer mehr Tage, an denen ich überwiegend liege. Ich bin weitgehend hausgebunden geworden. Für Wege, die für andere selbstverständlich sind, brauche ich Hilfe. Ich warte auf einen Rollstuhl, damit ich überhaupt wieder ein Stück von meinem Leben zurückbekomme.
Das Verrückte daran ist: Ich bin noch da.
Mein Kopf ist da. Meine Ideen sind da. Meine Pläne sind da. Mein Wille ist sowieso da.
Der war irgendwie noch nie mein Problem.
Ich will mit meinem Sohn raus. Ich will einkaufen. Ich will arbeiten. Ich will spontan irgendwo hinfahren können, ohne vorher auszurechnen, was mich dieser Ausflug die nächsten Tage kosten wird. Ich möchte morgens aufstehen und duschen, ohne daraus eine Tagesplanung zu machen.
Ich möchte mein Leben zurück.
Und wieder höre ich diesen Satz in meinem Kopf:
Steh endlich auf. Jetzt.
Den Satz kenne ich.
Ich war ein Kind, als ich ihn das erste Mal zu mir gesagt habe. Damals habe ich meine schweren Beine aus dem Bett geschleppt und bin zur Schule gegangen.
Heute sage ich ihn wieder.
Nur heute steht mein Körper manchmal nicht mehr auf.
Und genau hier verstehe ich etwas, das ich mein ganzes Leben nicht verstanden habe.
Es lag nie daran, dass ich nicht wollte.
Mein Wille war nie das Problem.
Im Gegenteil.
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Diesen Satz hatte ich mit 16 Jahren mitbekommen.
Und ich habe ihn gelebt.
Mein Wille hat mich wahrscheinlich viel länger weitergetrieben, als mein Körper eigentlich konnte.
Heute sitze ich da und lese meine Akten. Meine Müdigkeit steht drin, meine Erschöpfung, das Einschlafen in der Schule. Die Suggestivtherapie steht drin. Die Wesensveränderung steht drin. Die Abhängigkeit steht drin. Die Mahnungen meiner Therapeutin liegen darin. Dass der Täter mich trotz Obhut weiter abfangen konnte, war bekannt.
Und Jahre später steht in meiner Patientenakte auch noch die Diagnose ME/CFS.
Es war alles da.
Nur ich wusste es nicht.
Ich dachte mein ganzes Leben, ich müsste mich einfach zusammenreißen. Also habe ich genau das gemacht. Wenn ich zusammengebrochen bin, bin ich wieder aufgestanden. Wenn mein Körper schlafen wollte, habe ich gearbeitet. Wenn ich keine Kraft mehr hatte, habe ich irgendwie noch Kraft gefunden.
Aufstehen, Krone richten und weiter.
Das hat funktioniert.
Sehr lange sogar.
Bis es nicht mehr funktioniert hat.
Heute richte ich meine Krone wieder.
Aber dieses Mal bedeutet Krone richten nicht, weiterzumachen.
Dieses Mal bedeutet es, meine Grenzen ernst zu nehmen. Liegen zu bleiben, wenn mein Körper liegen muss. Hilfe anzunehmen, wenn ich sie brauche. Nicht wieder über meine eigenen Grenzen zu gehen, nur damit andere sehen, dass ich funktioniere.
Vielleicht habe ich mein ganzes Leben den falschen Teil dieses Satzes für Stärke gehalten.
Nicht die Krone war das Problem.
Es war das „und weiter“.
Heute bin ich 55 Jahre alt und mein Wille ist immer noch da. Ich will mit meinem Sohn raus, ich will für meine Familie da sein und ich will arbeiten.
Nur mein Körper setzt heute die Grenze, die ich mein ganzes Leben nicht setzen konnte.
Und trotzdem bekomme ich bis heute nicht die Hilfe und Anerkennung, die ich brauche.
Vielleicht ist das der absurdeste Teil meiner Geschichte. Als Kind konnte ich nicht wissen, was mit mir passiert. Heute bin ich erwachsen. Heute habe ich die Akten. Heute habe ich Diagnosen. Heute kann ich lesen, was damals dokumentiert wurde.
Und trotzdem kämpfe ich wieder.
Nur dieses Mal möchte ich diesen Kampf nicht mehr ausschließlich für mich führen.
Ich möchte, dass mein Fall ein Präzedenzfall wird. Nicht weil mir irgendein Urteil meine Kindheit oder die verlorenen Jahre zurückgeben könnte. Das kann niemand. Ich möchte es, weil es Frauen gibt, deren Geschichten genauso Jahrzehnte zurückliegen. Frauen, die als Kinder von Erwachsenen und Institutionen abhängig waren. Frauen, die nicht selbst dafür verantwortlich sein konnten, Anträge zu stellen, Beweise zu sichern oder zu erkennen, welche Folgen sie Jahrzehnte später noch tragen würden.
Ich möchte, dass diese Frauen eine Chance auf Anerkennung bekommen.
Denn was sagen wir einer Frau, wenn die Akten noch existieren? Wenn darin steht, was mit dem Kind passiert ist? Wenn darin steht, dass es erschöpft war, dass der Schutz nicht funktioniert hat, dass es weiter abgefangen wurde, dass eine Therapie beendet und anschließend eine Suggestivtherapie durchgeführt wurde und dass danach Veränderungen beschrieben wurden?
Was sagen wir ihr Jahrzehnte später?
Zu lange her?
Pech gehabt?
Aufstehen, Krone richten und weiter?
Genau das habe ich mein ganzes Leben gemacht.
Ich bin aufgestanden. Ich habe meine Krone gerichtet. Ich bin weitergegangen. Ich habe Kinder großgezogen, gearbeitet, mich selbstständig gemacht, Verantwortung übernommen und immer wieder funktioniert. Selbst dann, wenn mein Körper längst etwas anderes gesagt hat.
Heute kann ich körperlich nicht mehr einfach weitermachen.
Aber ich kann noch meine Stimme benutzen.
Und diese Geschichte ist bereits die Kurzfassung meines Lebens. So absurd das nach dieser Länge vielleicht klingt. Ganze Jahre, Ereignisse und Zusammenhänge fehlen. Eigentlich müsste ich ein Buch schreiben, um alles zu erzählen.
Nur schafft mein Körper das heute nicht mehr.
Schon diese Geschichte zu schreiben kostet mich Kraft, die ich nicht mehr einfach irgendwo herholen kann. Deshalb habe ich mich auf das beschränkt, was notwendig ist, um zu verstehen, wie ich hier gelandet bin.
Es gäbe noch sehr viel mehr zu erzählen.
Vielleicht kann meine Geschichte trotzdem etwas verändern. Vielleicht kann aus dem, was mir passiert ist, irgendwann etwas entstehen, das einer anderen Frau erspart, Jahrzehnte später vor ihren eigenen Akten zu sitzen und sich zu fragen, warum niemand hingesehen hat.
Ich möchte nicht, dass meine Geschichte nur erzählt, was mir passiert ist.
Ich möchte, dass sie etwas verändert.
Und wenn ich heute dieses neunjährige Mädchen unter der Decke sehe, würde ich ihr nicht sagen, sie soll sich zusammenreißen.
Ich würde ihr nicht sagen, dass sie stark sein muss.
Und ganz sicher würde ich ihr nicht sagen:
Aufstehen, Krone richten und weiter.
Ich würde ihr glauben.
Ich würde sie schützen.
Und dann würde ich sie endlich schlafen lassen.