Kristin Kummer | 49

Wandern

Die Sonne scheint. Es ist ein herrlich kalter Herbstmorgen, die Luft ganz klar, die vom Herbst gefärbten Blätter strahlend rot und gelb und orange. Alles in mir zieht mich nach draußen. Ich sitze, mich am Tisch festklammernd, auf dem Stuhl, den Frühstücksteller vor mir. Mein Körper hat kaum die Kraft sich sitzend zu halten. Alles ist zittrig. Mir kommen die Tränen. Sie laufen und laufen,
trauern um all das, was ich verloren habe. Ich schaffe es langsam, zittrig und gebückt zur Terrasse.
Gehe kurz auf Socken hinaus, begutachte unsere noch nachgereiften dicken roten Tomaten im Hochbeet, atme die kalte klare Luft ein und gehe wieder hinein. Mein Morgenspaziergang.
Vor Corona habe ich das Wandern für mich entdeckt. Ich lief immer weitere Strecken. Das letzte Mal vor der Infektion waren es 12 Kilometer und ich kam in den Flow, konnte weiter immer weiter gehen und es fühlte sich so berauschend gut an. Ich bestellte mir viele Paar Wanderschuhe und entschied
mich dann letztendlich für eines, das wirklich passte. Eine Woche später war ich erkältet. Ich ging vorsichtshalber zum Corona-Test, damit ich meinen Sohn guten Gewissens zur Tagesmutter schicken konnte. 15 Minuten später rief der Herr vom Testcenter an: „Sie sind positiv getestet.“
Das war am 15. März 2021 – seitdem ist nichts mehr wie es war.

Langeweile

Wenn ich versuche zu lesen, verlieren meine Augen schnell ihren Fokus. Es kostet mich eine enorme Anstrengung, immer wieder neu zu fokussieren, die Worte scharf zu halten und dann auch noch den Sinn aus den Worten zu entnehmen. Aber ich kann es noch, wenn ich mich nur genug anstrenge.
Nach ein paar Minuten wird der Schwindel in meinem Kopf stärker, es fühlt sich an, als würde der Druck in meinem Kopf steigen. Meine Muskeln am ganzen Körper beginnen zu zittern. Ich beginne zu schwitzen. Nach 20 Minuten kann ich nicht mehr. Ich muss mich ausruhen – rauf auf das Sofa, aus dem Fenster gucken. Nichts hören, nichts sehen, nichts verarbeiten. Weder mein Körper noch mein
Geist ist gerade in der Lage, etwas zu leisten und trotzdem ödet mich dieser Zustand an. Mir ist langweilig. Ich lege mich auf die Yoga-Matte und mache Dehn- und Atemübungen im Liegen. Ist auch irgendwie langweilig, aber wenigstens habe ich das Gefühl, ich tue etwas für meine Genesung.

Ergotherapie

Ich komme in gebückter Greisenhaltung ins Behandlungszimmer – nur ein Rollator würde das Bild,
das ich abgebe, perfekt machen. Ich erzähle von meinem Crash vor ein paar Tagen. Davon, dass gerade gar nichts mehr geht und 50 m für mich eine Herausforderung sind. Dass Stehen und Sitzen ohne Anlehnen Hochleistungssport sind. Dass ich es heute noch nicht mal geschafft habe, einen kurzen Zeitungsartikel zu lesen. Während ich das alles erzähle, kommen mir die Worte der Psychologin in der Long Covid Ambulanz in den Kopf: wenn die Ergo zu einer
Symptomverschlechterung führt, dann muss gefragt werden, ob diese überhaupt schon sinnvoll ist oder ob die Einheiten noch kürzer gewählt und ggf. nach 10 Minuten abgebrochen werden müssen.
Ich fühle mich mit einem mal fehl am Platz. Ich hätte den Termin absagen und zu Hause bleiben sollen. Allein der Weg dorthin hat mich so ausgelastet, dass aus meinen gefühlten 80 Jahren
innerhalb von wenigen Minuten 100 Jahre geworden sind.
Die Ergotherapeutin hört zu, fragt nach, zieht die falschen Schlüsse. Ich berichte davon, dass ich das erste Mal seit Wochen wieder zwei Nachmittage hintereinander auf meinen zweijährigen Sohn
aufpassen musste – ohne Hilfe, weil mein Mann wichtige Meetings im Büro wahrnehmen musste.
Diese Nachmittage in Kombination mit zwei Arztterminen haben zur erneuten Überlastung geführt.
Es war mir schon während des zweiten Nachmittags bewusst. Die Ergotherapeutin unterstellt, dass es vor allem stressig deswegen sei, weil ich nicht jederzeit Hilfe hätte holen können. Nein. Stressig ist es deshalb, weil mir die Muskelkraft fehlt, hinter meinem Sohn herzurennen und ihn zu tragen, wenn
er nicht mehr kann. Stressig ist es deshalb, weil mir die emotionale Kraft fehlt, ihm Grenzen zu setzen, ihn zu trösten und konsequent zu bleiben. Stressig ist es deshalb, weil mir dir kognitive Kraft
fehlt, den Nachmittag zu planen, die Zeit im Blick zu haben und meine Verhaltensweisen ihm
Gegenüber zu reflektieren und mich „zusammenzureißen“, wie es so schön heißt. Und obwohl mir diese ganzen Kräfte fehlen, sind dies alles Dinge, die getan werden müssen. Ich überschreite meine rote Linie. Scheiß auf Pacing – ich muss für mein Kind da sein.
Das Tangram-Puzzle würde sie gerne im Stehen ausprobieren – und fährt den Schreibtisch zum Stehtisch hoch. Ich stehe auf. Setze mich nach 10 Sekunden wieder. Es geht nicht. Noch eine Anstrengung, die ich lieber vermieden hätte. Sie versteht nicht. Fragt nach. Ich erkläre. Beim Erklären, wie es mir geht, verbrauche ich meine restliche Energie. Hätte sie sich mehr mit dem Thema postvirale Fatigue und Postexertionale Malaise beschäftigt, hätte ich mir meinen Energieverlust sparen können.
Für die 100m bis zum Auto brauche ich 15 Minuten. Ich begegne einem alten Herren mit Rollator – wir haben dasselbe Tempo. Wir grinsen uns an. So als wollten wir uns sagen: toller Club in dem wir
hier sind.

Vier Wochen nichts tun

Was für andere nach Urlaub klingt, ist für mich mein eigenes kleines Gefängnis. Drei Wochen habe ich komplett im Bett verbracht. Selbst das Sitzen war zu anstrengend. Denken, Reden, Stimmungen ertragen – nichts ging mehr. Mein Puls im Liegen: morgens bei 100 – nachmittags bei 90. Wenn ich aufstehe, dann schaffe ich es bis zur Toilette. Puls 145. Im Sitzen komme ich mit bewusster Atemtechnik wieder etwas runter. Ausatmen. Aufstehen. Hände waschen. Zum Glück im Sitzen. Vor dem Waschbecken steht mittlerweile ein Bürostuhl. Ausatmen. Aufstehen. Zurück zum Bett. Ich bleibe kurz am Fenster stehen, um mal etwas anderes zu sehen. Um herauszufinden, wie lange ich stehen kann. 30 Sekunden – der Schwindel wird stärker. 40 Sekunden – das Klopfen im Herz wird
wahrnehmbarer und immer rasender. 50 Sekunden – ich beginne zu schwitzen. 60 Sekunden – Puls bei 150 – ich breche ab.
Wie oft habe ich meinem Körper zugeschrien: „Jetzt reiß dich mal zusammen!“ Mein Körper hat mir den Stinkefinger gezeigt und hat mich jetzt vollkommen in seiner Hand.

Rollstuhl

„Soll ich mal meine Freundin nach ihrem alten Rollstuhl fragen?“ – mit dieser Frage macht es meine Schwägerin irgendwie endgültig. Ich bin krank. Ein Pflegefall auf Zeit. Ich kann nicht mehr für mich
sorgen, mich noch nicht einmal mehr ohne Hilfe weiter als 10 Meter fortbewegen. Vorher habe ich stets den Abwärtsvergleich nach unten gezogen: „So schlimm geht es dir nicht, du kannst dich noch
aus eigener Kraft bis zum Spielplatz bewegen. Andere sind auf einen Rollstuhl angewiesen.“ Bis zum
Spielplatz. Das war immer meine Maßgabe darüber, wie gut es mir gerade geht. Ich habe es wieder zum Spielplatz geschafft, war ein Schritt zu auf mein altes Leben. Jetzt gerade könnte ich nicht weiter
davon entfernt sein.
„Ja. Okay. Mach das mal mit dem Rollstuhl“, sage ich. Aus dem Rollstuhl einer Bekannten wird ein Rollstuhl von eBay Kleinanzeigen. Als er da steht vor meinem Bett, will ich es meinem Körper wieder
einmal beweisen. Komm – du wirst ja wenigstens eine Runde im Rollstuhl schaffen. Einmal eine Runde um den Block. Frische Luft, nach so langer Zeit.
Ausatmen. Ich setze mich auf. Ausatmen. Langsam einen Fuß vor den anderen. Ausatmen. Schritt. Ausatmen. Schritt. Die Treppe herunter. Sitzen. Mein Mann zieht mir Schuhe an. Die Jacke schaffe ich selbst. Ich stehe völlig neben mir und freue mich gleichzeitig wie ein kleines Kind darauf, endlich etwas neues und aufregendes auszuprobieren. Meine Schwägerin wickelt eine Decke um meine
Beine – jetzt fühle ich mich endgültig wie ein Pflegefall.
Das Gefühl der Euphorie, endlich wieder draußen zu sein und die frische Luft zu atmen, vermischt sich mit der Überforderung meines Gehirns. So viele Reize, alles zieht an mir vorbei, mir wird
schwindelig. „Langsamer!“, rufe ich meinem Mann zu, der mich schiebt. Im Schneckentempo geht es
also weiter. Besser. Mein Sohn biegt mit seinem kleinen Laufrad Richtung Spielplatz ab. Ich möchte hinterher. Ich weiß, dass es eigentlich schon zu viel ist für mich. Wir fahren hinterher. Wir treffen
dort Freunde – ich kann sie nicht ansehen, nicht sprechen. Dafür reicht meine Energie schon längst nicht mehr. Mein Mann fährt mich nach Hause. Vor der Haustür kann ich es nicht lassen. „Fährst du
mich noch einmal um den Block? Es fühlt sich so schön an.“
Zu Hause backen meine Schwägerin und mein Sohn zusammen Kekse. Ich sitze im Rollstuhl und beobachte das Treiben aus zwei Meter Entfernung. Ich sollte mich hinlegen. Mich ausruhen. Aber ich will nicht.
In der Nacht liege ich wach. Am nächsten Tag kann ich nur noch liegen. Wieder ein Beweis. Über die Grenzen zu gehen, macht mich kränker. Scheiße.

Das Leben geht ohne mich weiter

Die Sonne scheint, ein Nachbarskind und seine Eltern sind im Garten zusammen mit meinem Sohn und meinem Mann. Die
Feuerschale wird ausgepackt. Die Nachbarn haben Stockbrotteig mitgebracht.
Ich liege im Schlafzimmer auf dem Bett und weine stille Tränen. Ich höre ihre Stimmen von draußen, höre meinen Sohn laut lachen. Und ich merke den Schmerz in mir. Ich bin nicht dabei. Weil es zu viel wäre. Nachdem ich heute Mittag scheinbar mal wieder etwas mit zu viel Histamin gegessen habe, kommt mein Körper nicht mehr runter. Der Puls will sich einfach nicht einkriegen. Mein Körper hat permanenten Stress.
Mit Glück ist das morgen wieder weg. Wenn ich jetzt noch einen Stressfaktor oben drauf packe, wie zum Beispiel mit im Garten zu sitzen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich die nächsten drei Tage wieder gar nichts mehr kann.
Dabei kann ich doch sowieso schon nichts. Und das Schlimme daran ist, dass ich permanent gezeigt bekomme, dass ich gebraucht werde, dass mein Mann nicht mehr kann, mehr Pausen braucht. Also
mache ich Dinge, die ich eigentlich nicht tun sollte, die ich abgeben müsste und die mir dann aber noch mehr Stress bereiten würden, weil die Stimmung schlechter wird, weil mein Mann müde ist. Weil er allein sein will. Wir sind an zwei unterschiedlichen Enden eines Spektrums: Ich bin ständig alleine mit mir. Ich will viel mehr Kontakt zur Außenwelt, ich will wieder Dinge unternehmen,
arbeiten, für jeden da sein können, der mich braucht. Mein Mann ist ständig in der Außenwelt, immer
und permanent ansprechbar, entweder für mich, für unseren Sohn oder für seine Arbeitskollegen. Wenn
wir uns doch nur wieder beide in der Mitte einpendeln könnten. Wenn diese verfickte Krankheit doch einfach ein Traum wäre und morgen wachen wir auf und alles ist so wie früher.
Glücklich. Unbeschwert, leicht.