Der Morgen begann ohne Wecker; Franziskas Körper hatte seine eigenen, unerbittlichen Rhythmen. Sie lag im halbdunklen Schlafzimmer und spürte sofort das winzige Energie-Kontingent, das ihr nach jenem verhängnisvollen Infekt nach der Booster-Impfung noch geblieben war. Es war das über zehnte Mal COVID gewesen, und jede Runde hatte ihren Körper tiefer verwüstet.
Die Wirbelsäule schmerzte, als steckten feine Nadeln in den Gelenken. Seit dem Infekt im Januar, der sie vollends zerlegt hatte, schien das innere Feuer nicht mehr zu erlöschen. Erst hieß es Morbus Basedow, dann Hashimoto – die Schilddrüse spielte verrückt, unkontrollierbar für jede Medizin. Hinzu kam der Verdacht auf MCAS; mehrfach hatten anaphylaktische Schocks sie in letzter Sekunde ins Krankenhaus gezwungen. Als Ärzte ihr Betablocker gaben, quittierte der Körper das mit heftigen Herzkrämpfen. Medikamente waren längst ein Minenfeld geworden, das sie nicht mehr betreten konnte.
Der Januar-Infekt hatte zudem eine feine Nervenschicht beschädigt, was seither einen ständigen, irritierenden Kontakt zwischen drei Hirnnerven auslöste. Jeder Tag glich einer strengen Buchhaltung: Duschen kostete zwanzig Energiepunkte, Anziehen zehn. Die bleierne Müdigkeit bestimmte den Takt ihres Alltags.
Doch als Franziska ans Fenster trat und in den goldenen Herbst blickte, spürte sie etwas anderes in sich aufsteigen. Noch ein paar Wochen Durchhalten, und der Oktober war da. Die bevorstehende Reha glich einem rettenden Anker – ein Ort, an dem Fachleute endlich diesen komplexen Knoten aus Entzündungen, Nervenschmerz und Erschöpfung verstehen und entwirren würden.
Franziska riecht den Herbstwind am Fenster, doch ihr Körper gehört schon dem Institut für Anatomie der Uniklinik Tübingen. Nach dem dritten COVID Infekt hat sie die Papiere unterschrieben. Andere sammeln Briefmarken, Franziska sammelt Covid-Infekte, mehr als zehn mittlerweile, jeder mit einer eigenen kleinen Grausamkeit im Gepäck. In ihrer Familie ist es fast wie ein genetisches Fluchwort geworden: Seit Beginn der Pandemie sind vier Verwandte väterlicherseits gestorben, zuletzt die geliebte Cousine, die zwei Kinder zurückließ. Zwei Tanten hängen dauerhaft am Sauerstoffgerät. Der Marathon begann verlässlich nach der Booster-Impfung, und seither gleicht jeder Tag einer Gratwanderung.
Franziska greift nach ihrer Tasche, prüft mit den Fingern die Kontur der Adrenalinspritze. Ihr Immunsystem ist ein Minenfeld geworden, seitdem das MCAS jede Substanz, jedes Medikament zur potenziellen Bedrohung stempelt. Der letzte Infekt im vergangenen Januar hat sie tief hinabgezogen. Nun kämpft sie wieder mit den Wellen von Post-Covid, dieser bleiernen, unerbittlichen Erschöpfung, die sich über jede Stunde legt.
Sie würde so gerne laufen, den Puls spüren, sich leicht fühlen. Doch der Körper streikt. Schon der Weg zur Haustür kostet Energievorrat. Bewegung ist zu einer Fremdsprache geworden, die ihre Muskeln längst vergessen haben.
Und so bleibt das Bett. Franziska zieht die Decke ein Stück höher. Wenn die Welt zu laut wird, die Luft zu dünn und die Angst vor dem nächsten unsichtbaren Schlag zu nah, ist Schlafen einfach das Feinste. Die Augen fallen zu, die Gedanken beruhigen sich, und für ein paar Stunden ist da nur noch die leise Gewissheit: Ich bin noch da.
Dum spiro, spero.
Solange ich atme, hoffe ich.
Zitat:
Marcus Tullius Cicero